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Ess-Bahn

Die ersten Großstadterlebnisse kamen bei Besuchen der Familie in der Großstadt.
Riesige Straßen, mindesten millionen-hundert-tausend Autos (mit Kinderaugen gezählt) und noch viel mehr Menschen. Bevor man dann nach der langen Fahrt und etlichen "Wann sind wir endlich daaaa?" Fragen, die Verwandtschaft besuchte, ging man noch in der Lieblingseisdiele ein Eis essen. Da stößt das Landkind auf ein erstes Problem:
Wenn man aussteigt muss man am Straßenrand darauf achten, nicht in Hundehaufen zu treten. "Warum machen die das nicht weg?", gab den ersten schlechten Eindruck. Wenn man dann erfolgreich das Tretminenfeld überquert hat und sich wie ein König fühlt, weil man in nichts getreten ist, wird man plötzlich am Arm von den Eltern zurückgerissen und angeschrien "man könne doch nicht einfach über den Fahrradweg laufen, ohne vorher nach links und rechts zu sehen!"
Aber wieso ist denn auf dem Bürgersteig ein Fahrradweg? Dürfen die Fahrräder überhaupt auf dem Bürgersteig fahren?
Fast von einem energisch klingelnden Fahrradfahrer angefahren und sichtlich geknickt geht es endlich zum Eis.
In unserem Dorf gab es immer einen fahrenden Eismann. Wenn er geklingelt hat, ist man raus gelaufen und hat sich zwei Kugeln Eis gekauft, meistens das gleiche, große Auswahl gab es ja nicht in seinem kleinen Bus. Jedoch bei in diesem Eisladen. Die ganz normalen Sachen wie Schoko und Vanille gab es natürlich auch, aber auch solch exotische Sachen wie Kokos oder Milchschnitte-Eis. Völlig überwältigt von dieser Vielfalt und dem Neuen stand ich vor dem nächsten Problem: Was zum Kuckuck ist das alles?

Das was der Bauer nicht kennt, das isst er nicht.
Also gab es Schoko und Vanille.
"Los schneller jetzt", kam dann schon die Ansage, denn auf dem Parkplatz durfte man nur über einen kleinen Zeitraum parken. Im Dorf darf man solange parken wie man will, warum musste man sich hier mit dem Eisessen beeilen? Aber dumme Fragen wollte man ja nicht stellen. Los geht's endlich das letzte bisschen Fahrt zur Verwandschaft.

An einigen Sehenswürdigkeiten vorbei in die Wohngebiete der Stadt. Es wurde ruhiger, die Menschen verschwanden und die Straßen wurden kleiner. Viel kleiner. Auf einmal mussten wir stehen und warten, bis man vorbei konnte. Sowas gab es zu Hause natürlich auch nicht. Warten, dass man fahren konnte? Wann fuhren denn mal zwei Autos gleichzeitig durch eine enge Straße? Und wenn, wurde sowieso geplaudert.
"Ruhe jetzt!" Wir Kinder hatten doch bloß ein bisschen auf dem Rücksitz rumgealbert. Was war nun schon wieder los? Wir wurden aufgeklärt, dass wir angekommen wären und einen Parkplatz suchen müssten. Aber da standen doch die ganze Straße lange Autos - dicht an dicht. Doch tatsächlich gab es eine winzige Parklücke, für ein Familienauto eigentlich zu klein, aber wie durch ein Wunder hat das Einparken funktioniert.

Endlich da.
Schnell allen Hallo sagen und auf in den Garten hinter der Wohnung spielen. Der Garten war das Erste, was man bisher wieder erkannt hat. Was war das nochmal für ein Geräusch? Ach ja, die Ess-Bahn. Wieso konnten wir nicht damit fahren? Hier gab es ja nur Kaffee und Kuchen, in der Ess-Bahn gab es bestimmt Pommes für Kinder.
Es hat einige Jahre gedauert bis ich endlich verstanden hatte, dass es in der Ess-Bahn kein Essen gab und es eigentlich S-Bahn hieß. Das trug zu allgemeinem Gelächter hinzu, aber als Landkind wusste ich es ja nicht besser.

"Los geht nochmal zur Toilette, wir wollen los." Immer dieses Gehetze wenn wir bei den Verwandten sind. Auch jammern half nichts. Man wolle nicht in den Berufsverkehr kommen.
Was war das nun schon wieder für ein Wort? Diesmal musste ich fragen.
Hm ja ok, das ist also Berufsverkehr, aber warum gibt es den bei uns nicht? Um nochmal zu fragen, waren aber schon alle zu müde. Die Fahrt wurde dann schlafend verbracht.

Unglaublich erledigt kamen wir dann wieder zu Hause an. Gleich ins Bett und schlafen.
Was war das für ein Geräusch hinter dem Haus? Die Ess-Bahn? Ach nein, hier fuhren ja nur Mähdrescher.
-Landläufig
12.8.12 10:18
 


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